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Andy Durgan und En Lucha: Historische Verfälschungen zur Rechtfertigung des politischen Betrugs an den spanischen Arbeitern

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Von Dave Hyland
31. Januar 2013

Am 21. Juli 2012 veröffentlichte der britische Socialist Worker einen Artikel von Andy Durgan mit dem Titel „Die Bergarbeiter von Asturien und ihre lange kämpferische Geschichte.“

Durgan ist Mitglied von En Lucha [dt. Im Kampf], der spanischen Schwesterorganisation der britischen Socialist Workers Party. Der Artikel gibt vor, eine Untersuchung des asturischen Bergarbeiterstreiks zu sein, der Anfang des Jahres [2012] gegen die Einstellung der Bergbausubventionen durch die Partido Popular (PP) geführt wurde. Die militante Auseinandersetzung, an der sich etwa 8.000 Arbeiter nebst ihren Familien beteiligten, bestand in einem 20-tägigen Fußmarsch nach Madrid, der am 10. Juli in einer Massenkundgebung endete.

Durgan führt aus, dass die asturischen Bergarbeiter traditionell eine Vorreiterrolle in den Kämpfen der spanischen Arbeiterklasse spielten und dass viele Arbeiter und Jugendliche in ihnen die Speerspitze im Kampf gegen die massiven Sparmaßnahmen erblicken, die von der PP-Regierung eingeführt werden. Zugleich aber verschleiert er die heimtückische politische Rolle der eigenen Gewerkschaftsführer der Bergarbeiter – bloßgelegt durch die Tatsache, dass der Konflikt kurz darauf verraten worden ist.

Er schreibt: „Seit der demokratischen Transición haben die Bergarbeiter verzweifelt darum gekämpft, ihre Industrie und ihre Lebensgrundlagen zu erhalten. Ihre Siege wurden ihnen durch konstantes Schrumpfen der Minen und den Rückgang der Staatsunterstützung vergällt.“

Er erinnert an die führende Rolle der Bergarbeiter im Kampf gegen den Franco-Faschismus und setzt fort: „Zu den Kampfmethoden zählten Minenbesetzungen, Barrikaden sowie ausgeklügelter Gebrauch von Feuerwerkskörpern und Katapulten, mit denen die Polizei zurückgeschlagen wurde. Die Taktik erinnert an die Kämpfe der Jahre 1934 und 1962.“

Durgan folgert: “Zweifellos beflügelt der Bergarbeiterkampf all jene, die gegen die Sparmaßnahmen und Kürzungen kämpfen. Wenn die Regierung glaubte, sie könnte eine relativ kleine Gruppe von Arbeitern einfach beiseite wischen, so hat sie sich getäuscht. Stattdessen wurden die Bergarbeiter zu einem Symbol für Millionen, die empört sind über die Angriffe auf ihren Lebensstandard und ihre Arbeitsbedingungen. Die Bergarbeiter sind ein Symbol, das die zerstreuten Reihen des Widerstandes zusammenführen könnte.“

Auf welche Siege bezieht Durgan sich? Die 48.000 infolge korporatistischer Deals verlorenen Arbeitsstellen der Bergarbeiter seit 1958, welche die Gewerkschaftsbürokraten der Unión General de Trabajadores (UGT) und der Arbeiterkommissionen (Comisiones Obreras – CCOO) aushandelten, stellen schwerlich einen Sieg dar. Die Verschlankung der Zahl der asturischen Bergarbeiter auf heute knapp 8.000 ist keine Empfehlung für Politik und Führung der Gewerkschaften.

Der mutige Kampf der Bergarbeiter, die es auch mit der Polizei aufnahmen, hinderte die Gewerkschaftsführer nicht daran, sie von den anderen Teilen der Arbeiter und Jugendlichen zu isolieren. Diese Kämpfe spielten sich außerhalb der großen städtischen Zentren ab und wurden von den Gewerkschaften genutzt, um sich als Gegner der Regierung aufzuspielen. Dabei sind gerade sie diejenigen, die es der Regierung erleichtern, ihre weitgehenden Sparkmaßnahmen durchzusetzen.

Anders als 1934 und 1962 ist in Spanien kein faschistisches Regime an der Macht, sondern eine krisengeschüttelte Rechtsregierung. Dennoch wurden die Bergarbeiter nur wenige Tage nach Beendigung ihres Marsches aufgefordert, zurück an die Arbeit zu gehen und der Streik wurde nach insgesamt 67 Tagen beendet.

Die “Inspiration” aus den Erfahrungen der asturischen Bergarbeiter, die all jene ergreift, “die gegen die Sparmaßnahmen und Kürzungen kämpfen“ sollte eine Warnung davor sein, die Führung ihres Kampfes an Gewerkschaften und Parteien abzutreten, die auf einer nationalistischen und pro-kapitalistischen Perspektive gründen. Die Arbeiter haben kein „Symbol“ nötig, sondern eine marxistische revolutionäre Strategie mit entsprechendem Programm und dazugehöriger Taktik.

Durgan steht diesem Ansatz feindlich gegenüber. Seine Glorifizierung des Streiks ist eines der Mittel, das die Ex-Linken anwenden, um die Arbeiter den Stalinisten und verschiedenen kleinbürgerlichen Tendenzen willfährig zu machen, die sich um die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (Partido Socialista Obrero Español – PSOE) und die Gewerkschaftsbürokratie zusammengeschart haben.

In den vergangenen siebzehn Monaten sind bis zu acht Millionen Arbeiter und Jugendliche durch Spaniens Städte marschiert, um den „Sozialterrorismus“ zu verurteilen, mit dem die Troika (Europäische Union, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfond) gegen sie zu Felde zieht. Die Troika erhält dabei Unterstützung sowohl von der PP als auch der PSOE.

Weil die Ablehnung der offiziellen bürgerlichen Politik und der Gewerkschaften weit verbreitet ist, haben diese Demonstrationen ihren Ursprung in sozialen Netzwerken solcher Organisationen wie Echte Demokratie Jetzt! (Democracia Real Ya!) und Jugend ohne Zukunft (Juventud Sin Futuro). Durgan sieht sich deshalb zu politischen Verrenkungen genötigt: Er will beweisen, dass die Gewerkschaften wiederbelebt und dazu gebracht werden können, für die Interessen der Arbeiter einzutreten.

Die “widersprüchliche Rolle der Gewerkschaften ist viel klarer“, schreibt er. „Viele der radikalen Linken in der Indignados-Bewegung in Spanien betrachten die Gewerkschaften als Teil des Systems.

Die Führungen der Hauptgewerkschaften, der sozialistischen UGT und der früheren kommunistischen CCOO (Comisiones Obreras – Arbeiterbevollmächtigte), sind ebenso gemäßigt und verräterisch wie andere Gewerkschaftsbürokratien auch.

Indessen vertreten die Bergarbeiter einen der am stärksten gewerkschaftlich organisierten Bereiche der Arbeiter in Spanien, in welchem die meisten Mitglieder von UGT oder CCOO sind. Ebenso wie in Griechenland wurden die Gewerkschaftsführer gezwungen zu kämpfen.“

Die einzige Sorge dieses Ex-Linken ist, dass die Gewerkschaftsbürokratie die Kontrolle über die Protestbewegung der Massen verlieren könnte. Im Gegensatz zu Durgans Behauptung gibt es in Europa keinen einzigen Ort, wo „die Gewerkschaftsführer gezwungen“ wurden „zu kämpfen“.

Das Problem besteht nicht nur in der Verkommenheit der Führung. Diese Verkommenheit hat – und dies ist das Entscheidende – ihre Wurzeln darin, dass die materielle Grundlage für gewerkschaftlichen Reformismus (der sich auf die Regulierung der Nationalökonomie stützt) durch die Entwicklung einer integrierten Weltwirtschaft zerstört wurde, in der China, Indien und Osteuropa Maßstäbe für Löhne und Arbeitsbedingungen setzen. Dies hatte einen Wandel in der Beziehung zwischen der Arbeiterklasse und ihren alten Organisationen zur Folge. Überall agieren jetzt die Gewerkschaften als Vollstrecker von Kürzungen und Sparmaßnahmen. Proteste von symbolischem Charakter werden von ihnen nur organisiert, um ihre Kollaboration mit Regierungen und Konzernführungen zu verschleiern.

Um seine Darstellung zu rechtfertigen, peppt Durgan seinen Artikel mit historischen Bezugnahmen auf die Kämpfe der asturischen Bergarbeiter auf. „Ebenso wie 1934 und 1962 ist die Solidarität ausschlaggebend,“ schreibt er. „Ein Sieg der Bergarbeiter wäre ein enormer Rückschlag für die Regierung und für die Welle von Sparmaßnahmen, die über Europa zieht.“

Vorsätzlich verschleiert Durgan die historischen Erfahrungen der spanischen Arbeiterklasse, die sie mit ihren Führern in der Vergangenheit gemacht hat. Das Entscheidende hier ist, dass er Leo Trotzkis Anstrengungen der 1930er Jahre zum Aufbau einer revolutionären Partei in Spanien überhaupt nicht erwähnt. Indem er Trotzkis in einer früheren Epoche geführten Kampf für eine politische Alternative zu den verräterischen Irreführern der Arbeiterklasse verschweigt, zielt er darauf ab, zu den pessimistischsten Schlussfolgerungen hinsichtlich der heutigen Kämpfe zu verleiten.

Aus Durgans Darstellung erfährt man nicht, dass im Jahr 1934 die weltweite Arbeiterbewegung bereits katastrophale Erfahrungen mit dem Verrat der Sozialdemokratie und des Stalinismus gemacht hatte.

In der Sowjetunion usurpierte eine Bürokratie mit Stalin an ihrer Spitze die Macht von der Arbeiterklasse. Ihre Perspektive des Aufbaus des „Sozialismus in einem Land“ reflektierte Interessen und Anschauung einer sich zunehmend konsolidierenden selbstbewussten parasitären Kaste, die keine Geduld mehr für den Kampf um die sozialistische Weltrevolution aufbrachte und im Wesentlichen nur noch daran interessiert war, ihre Privilegien zu sichern. Die politische Richtung der Komintern wurde von den Anstrengungen bestimmt, die Interessen des internationalen Proletariats den Erfordernissen der Kremlbürokratie unterzuordnen.

Dies beinhaltete zahlreiche Zickzackmanöver in der offiziellen Politik. Als Stalin sich 1928 in Russland gegen die reichen Bauern wandte, die Kulaken, die er ursprünglich gefördert hatte, zwang er der Komintern die Politik der Dritten Periode auf. Die Folge war, dass die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) die deutschen Sozialdemokraten (SPD) des „Sozialfaschismus“ bezichtigte. Mit dieser ultralinken, sektiererischen Politik wurde die Arbeiterklasse gespalten und politisch der Weg für den Sieg der Nazis bereitet.

Konfrontiert mit einer sich verschärfenden Weltwirtschaftskrise und bedroht durch faschistische Regime in Deutschland und Italien, schwenkte die sowjetische Bürokratie scharf nach rechts – sie wandte nun eine Politik der Zusammenarbeit mit den imperialistischen Mächten an und wies die kommunistischen Parteien aller Länder an, Volksfrontbündnissen beizutreten, um den liberalen Flügel der eigenen Bourgeoisie zu unterstützen.

Mit ganzer Kraft versuchte Trotzki, die Arbeiterklasse gegen diese Politik zu wappnen. Um innerhalb der sowjetischen kommunistischen Partei und dem durch die Revolution von 1917 errichteten Arbeiterstaat gegen die wachsende Bürokratie und die sie begleitenden nationalen Tendenzen kämpfen zu können, organisierte er 1923 die Linke Opposition.

Der Bruch der aufstrebenden und von Stalin geführten Bürokratie mit dem Programm der sozialistischen Weltrevolution, welches das Leitmotiv der Oktoberrevolution war, fand seinen Ausdruck im Jahr 1924, als die Politik des „Sozialismus in einem Land“ verkündet wurde.

Die Ereignisse in Spanien, wo Trotzki bemüht war, eine Sektion der Linken Opposition zu gründen, sollten sich im Kampf gegen die Degeneration und den anschließenden Zusammenbruch der Komintern unter Stalin als ausschlaggebend erweisen.

Durgan erwähnt in seinem Artikel nicht eine dieser politischen Begebenheiten. Stattdessen legt er bei der Betrachtung des asturischen Bergarbeiterstreiks die Scheuklappen des kleinbürgerlichen Provinzialismus und Nationalismus an.

Der Kampf der asturischen Bergarbeiter 1934 war nicht bloß ein Gewerkschaftskampf, wie Durgan weismachen will, sondern Bestandteil einer revolutionären Erhebung des spanischen Proletariats. Indem er mit seinem Artikel im Jahr 1934 einsetzt, umgeht er bequem die kritischen politischen Entwicklungen, die für diesen Zeitabschnitt entscheidend waren, und er entledigt sich damit der beunruhigenden Fragen nach Programm und Geschichte der politischen Tendenzen, die die Arbeiterbewegung Spaniens dominierten und letztendlich in die Niederlage führten.

Hierzu zählt auch der Verrat der PSOE. Im April 1931 hatten republikanische Kandidaten eine große Mehrheit in den Kommunalwahlen errungen, was König Alfonso XIII. ins Exil zwang. Aus Sorge vor einer Aufstandsbewegung nahm Manuel Azaña Díaz von der republikanischen Reformistischen Partei (Partido Reformista) den Posten des Premierministers an und bildete im Dezember eine Koalition mit der PSOE.

Die Einbindung der PSOE in die Regierung war bedeutsam. Eine neue Verfassung wurde vereinbart und im Dezember in Kraft gesetzt, doch ihrer Intention nach blieben Privateigentum und bürgerlicher Staat unangetastet.

Die Koalitionsregierung brachte nur kleine Reformen auf den Weg. Sie lehnte es ab, sich mit der Landfrage zu beschäftigen, Löhne zu erhöhen oder Arbeitsbedingungen zu verbessern, ernsthaft die Macht der Kirche einzuschränken, die verhasste Guardia Civil aufzulösen oder die Steuern für die Reichen zu erhöhen. Gleichzeitig ging sie resolut gegen inoffizielle Streiks vor und ließ den rechten Flügel, der sich umzugruppieren begann, unbehelligt.

Als die Klassenantagonismen sich zuspitzten, stürzte die Azaña-Regierung und eine Koalition des rechten Flügels, angeführt von Alejandro Lerroux von der Radikalrepublikanischen Partei (Partido Republicano Radical), trat im November 1933 an ihre Stelle. Angewiesen auf die Spanische Konföderation der Autonomen Rechten (Confederación Española de Derechas Autónomas—CEDA) begann sie damit, Azañas begrenzte Sozialreformen wieder zurückzunehmen, die ehemalige Macht der katholischen Kirche wiedereinzusetzen und Vorkehrungen für den Bürgerkrieg zu treffen.

Durgan schweigt über den Verrat der PSOE und die Konsequenzen. Trotzki erklärte: „Um zu verhindern, dass die Arbeiter und Bauern die Revolution bis zu ihrer Vollendung weiterführen, teilte sich die Sozialistische Partei [PSOE], ebenso wie die russischen Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, die Macht mit der republikanischen Bourgeoisie. In den zwei Jahren, in denen die Sozialisten an der Macht waren, halfen sie der Bourgeoisie aus ihrer Verlegenheit, indem sie den Massen einige Krümel nationaler, sozialer und agrarischer Reformen hinwarfen. Gegen die revolutionärsten Schichten des Volkes hingegen wandten sie Repressionen an.

Das Resultat war ein zweifaches: Der Anarcho-Syndikalismus, der in der Hitze der Revolution wie Wachs an der Sonne geschmolzen wäre, wenn die Arbeiterpartei einen richtigen Kurs verfolgt hätte, wurde gestärkt und band die militanten Schichten des Proletariats an sich. Am entgegengesetzten Pol gelang es indessen der katholischen Sozialdemagogie, die Unzufriedenheit der Massen mit der bürgerlich-sozialistischen Regierung erfolgreich auszunutzen.“

Wird fortgesetzt

Andy Durgan: “The miners of Asturias and their long history of struggle”, Socialist Worker Nr. 2312 (21. Juli 2012) http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=29104

Leon Trotsky: Whither France? [Wohin geht Frankreich?] (1934), New Park Publications, 1974, S. 31-32 [aus dem Englischen].